Leseprobe: Beste Freundinnen

Tessa lebte gleich neben der Hauptstraße in einer hübschen, geräumigen Wohnung. Auch sie konnte zu Fuß zur Arbeit laufen, wenn sie wollte. Bis vor kurzem hatte sie die Wohnung mit ihrer Freundin Stacey bewohnt, aber als sie herausgefunden hatte, daß Stacey mit einer anderen intim geworden war, hatte Tessa sie kurzerhand vor die Tür gesetzt. Sie war ein sehr liberaler Mensch, experimentierfreudig und kannte nur wenige Tabus, aber Treue war ihr wichtig. Und jetzt saß sie ganz allein in der viel zu großen Wohnung, die darüber hinaus für sie allein auch eigentlich zu teuer war. Das tat Sadie sehr leid.
Tessa öffnete nur Augenblicke nach Sadies Klingeln. „Komm rein“, sagte sie und rannte gleich wieder Richtung Küche. „Hast du Hunger? Ich habe vorhin eine Pizza in den Ofen geschoben.“
„Da würde ich nicht nein sagen“, antwortete Sadie und betrat die Wohnung. Der Fernseher war bereits eingeschaltet. Ihr fiel sofort auf, daß zahlreiche Fotos an der Wand fehlten. Auf dem schwarzen Sofa lagen pinke Kissen kreuz und quer verteilt. Eine eingeschaltete Lavalampe stand auf einem Regal. Darüber hinaus besaß Tessa noch zahlreiche weitere außergewöhnliche Lampen. Dafür hatte sie etwas übrig. In einer Ecke stand ein Schreibtisch, auf dem zwei Bildschirme thronten. Kabel lagen herum.
Sadie folgte Tessa in die Küche. Ihre Freundin hatte gerade die Pizza aus dem Ofen geholt und schnitt sie in mehrere große Stücke. Es war eine Riesenpizza, was Sadie verriet, daß Tessa für ihren Hunger einfach mitgesorgt hatte.
„Du magst doch hoffentlich Chicken Barbecue?“ fragte Tessa, ohne sich umzudrehen.

„Klar“, sagte Sadie. Sie trug die Limonade ins Wohnzimmer, während Tessa mit den ersten Pizzastücken folgte.
„Sieht kahl aus hier“, stellte Sadie nüchtern fest.
„Ja, hab die Bilder von Stacey und mir alle verbrannt“, sagte Tessa und biß hungrig in die Pizza. „Die muß mir echt nicht mehr unter die Augen treten.“
„Kann ich verstehen.“
„Im Ernst, es ist mir egal, ob sie auf dieser Party betrunken war und es ist mir auch egal, ob diese Tiffany nun einen geilen Hintern hatte oder nicht. Ich hab ihr immer gesagt, ich bin nicht prüde und probiere viel mit ihr aus. Ich hätte auch zu dritt was probiert. Aber so … sie hat mich betrogen. Da verstehe ich keinen Spaß.“
„Mußt du auch nicht. Ihr hattet die Regeln klar definiert“, stimmte Sadie zu.
„Eben. Und daß sie es mir nicht mal gesagt hat … das ist einfach mies.“
Tessa hatte Sadie erzählt, wie sie es herausgefunden hatte. Ihre Freundin hatte samstags morgens noch im Bett gelegen, als ihr Handy im Wohnzimmer vibriert hatte. Tessa hatte ihr das Handy nur bringen wollen, aber da hatte sie auf dem Display das Foto gesehen, das Tiffany an Stacey geschickt hatte. Ein ziemlich unmißverständliches Bild. Daraufhin war natürlich ein heftiger Streit entbrannt, der damit geendet hatte, daß Stacey auf der Straße gelandet war und Tessa ihr noch ihre Sachen hinterhergeworfen hatte.
Tessa brummte mürrisch, während sie an ihrem Pizzastück herumkaute. „Vier Jahre“, sagte sie zwischen zwei Bissen. „Vier verdammte Jahre und die dumme Kuh geht einfach fremd.“
„Das ist sehr schade. Eigentlich fand ich Stacey ganz in Ordnung.“
„War sie auch. Wir hatten so tolle Pläne geschmiedet … und sie wirft das alles einfach weg.“
„Ist sie denn jetzt bei Tiffany?“ fragte Sadie.

„Weiß ich nicht. Ist mir auch egal.“ Tessa biß kräftig in die Pizza. „Das tat echt ganz schön weh.“
Sadie erinnerte sich nur zu gut daran, wie Tessa sie gleich nach Staceys Rauswurf weinend und wütend zugleich angerufen hatte. Sie war vorbei gekommen, hatte ihr Taschentücher gereicht, ihr beim Packen von Staceys Sachen geholfen. Tessa war da vollkommen kompromißlos. Bis zu diesem Moment hatte sie ihre Freundin geliebt, aber das konnte sie ihr nicht verzeihen.
„Zum Glück geht das alles vorbei“, sagte Sadie.
„Ja, da hast du recht. Inzwischen bin ich nicht mehr traurig, sondern nur noch sauer. Rituelles Verbrennen hilft wirklich. Aber, um mal das Thema zu wechseln: Was ist das da mit dieser toten Familie? Das ist ja gräßlich. Und die haben du und Phil entdeckt?“
Sadie nickte. „Die Zentrale hat uns zu einem Mordschauplatz geschickt. Wir konnten ja nicht ahnen, daß es um eine ganze Familie geht!“
„Wie furchtbar. Habt ihr denn schon irgendeinen Ansatz?“
„Nicht wirklich“, gab Sadie zu. „Dieser Täter scheint das schon mehrmals gemacht zu haben, denn es gibt ähnliche Fälle. Aber warum? Ich habe keine Ahnung.“
„Der hat die ganze Familie ermordet?“
„Ja, nachdem er etwa eine Woche in dem Haus gelebt hat.“
„Und das hat keiner gemerkt?“ fragte Tessa ungläubig.
„Nein, irgendwie nicht.“
„Übel.“ Tessa sprach mit halbvollem Mund. „Wieviel darfst du denn erzählen?“
„Kommt drauf an“, sagte Sadie.
„Ihr seid also in das Haus gekommen. Und dann? Wie hat der Kerl sie denn umgebracht?“
„Unterschiedlich. Die Eltern hatte er erstochen, die Tochter erdrosselt und den Sohn erschlagen. Das war ziemlich blutig.“

Tessa verzog das Gesicht. „Ist ja krass. Fandest du das sehr schlimm?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Sadie. „Ich hatte nur einfach nicht damit gerechnet. Phil hat fast in den Vorgarten gekotzt.“
Über die Vorstellung mußte Tessa lachen. „Das hätte ich gern gesehen! Aber ich kann ja schlau daherreden, ich hab noch nie einen Toten gesehen. Schon gar nicht so. Du bist da ja völlig anders vorbelastet!“
„Allerdings. Ich versuche jetzt, ein Täterprofil zu erstellen“, sagte Sadie.
„Toll! Und welche Erkenntnisse hast du bisher?“
„Er haßt Frauen. Und er ist schlau, denn niemand hat irgendetwas über ihn. Außer DNA, aber ohne einen Verdächtigen bringt einen das ja auch nicht weiter.“
„Denkst du, der macht das wieder?“
Sadie nickte. „Mit Sicherheit.“
Tessa schüttelte sich. „Schlimme Sache. Noch Pizza?“
Das Angebot nahm Sadie gern an. Zusammen verputzten sie die ganze Riesenpizza bis auf den letzten Krümel und warfen dann die Popcornmaschine an. Frisches Popcorn war ein wirklicher Genuß.
„Auf welche Filme hättest du Lust?“ fragte Tessa. „Müssen ja keine schlechten sein.“
„Ein guter Actionfilm vielleicht?“
Tessa nickte sofort. „Gern. Bloß nix, wo Liebe drin vorkommt.“

Sie entschieden sich für eine Comicverfilmung und saßen schließlich im Schneidersitz nebeneinander auf dem Sofa, hatten Limonade mit Eiswürfeln vor sich und frisch duftendes, süßes Popcorn.
Solche Abende hatte Sadie schon oft mit Tessa erlebt. Früher hatten Tessas Mutter oder Tante Fanny das Popcorn gemacht und sie ermahnt, nicht zu lang aufzubleiben. Gary hatte ihnen Filme aus der Videothek geholt, die sie selbst noch nicht ausleihen durften. Bei Gruselfilmen war Tessa immer eingeschlafen, während Sadie romantische Komödien schrecklich fand. Ein guter Actionthriller war ihr deutlich lieber. Aber was sie am wenigsten mochte: Filme über Polizeiarbeit. Dabei regte sie sich immer viel zu sehr über all die Ungenauigkeiten und Fehler auf, mit denen die Polizeiarbeit beschrieben wurde.
Im Anschluß schauten sie sich gleich noch Dante’s Peak an, weil ihr Bedürfnis nach Filmen und satter Action immer noch nicht gestillt war. Zwar hatten sie den Film schon tausendmal gesehen, aber deshalb war er nicht weniger unterhaltsam. Sadie liebte Actionfilme, die vor der Jahrtausendwende entstanden waren. Tessa ging es da nicht anders.
Als der Film vorüber war, öffnete Tessa die Terrassentür und holte tief Luft. Draußen zirpte es überall laut.
„Das sollten wir wieder öfter machen“, sagte Tessa. „So macht das richtig Spaß.“
Sadie lag auf dem Sofa und rieb sich ihren wohlgenährten Bauch. „Und ich esse jedes Mal zuviel.“
„Ach komm schon, Schätzchen, du bist doch fit und durchtrainiert genug! Du weißt, du bist nicht mein Typ, aber daß dich kein Kerl heiß findet, will mir nicht in den Kopf.“
„Woher willst du wissen, daß es keiner tut?“ fragte Sadie.
Sofort drehte Tessa sich um und machte große Augen. „Sag jetzt nicht, die ewige Jungfrau hat einen Verehrer!“
„Du bist so gemein“, erwiderte Sadie. „Ich suche mir das doch auch nicht aus.“
„Schon klar, aber das ist doch schon lange kein Zustand mehr bei dir. Eigentlich war es noch nie einer! Aber du läßt dich ja nie verkuppeln …“
„Nein, so soll das auch nicht sein.“

„Aha. Aber zurück zum Thema, hast du jetzt einen Verehrer?“
„Ich weiß nicht, ob man das Verehrer nennen kann“, sagte Sadie ausweichend.
„Süße, laß das mal jemanden mit Erfahrung beurteilen. Kenne ich ihn?“
Darüber mußte Sadie erst nachdenken. „Ich glaube nicht. Ist dir im Department schon mal der Polizeifotograf aus Modesto begegnet?“
Tessa überlegte. „Glaub nicht. Hast du schon mal von ihm erzählt?“
„Nein, bisher nicht.“
„Wie heißt er?“
„Matt Whitman. Er ist schon Mitte dreißig.“
„Ist doch heiß“, fand Tessa. „Hast du ein Bild von ihm?“
Lachend schüttelte Sadie den Kopf. „Nein, aber ich weiß, wo ich eins finde.“
„Au ja! Zeig her.“
Sie setzten sich an Tessas Computer – ein mit Kaltlichtkathoden und LEDs beleuchtetes kleines Raumschiff, wie Sadie immer sagte, wenn sie Tessa ärgern wollte. Der Rechner fuhr hoch und als er soweit war, öffnete Sadie den Browser und suchte im Internet nach einer Bildreportage, die Matt vor etwa einem halben Jahr in einer Zeitung veröffentlicht hatte. Es ging um Naturaufnahmen. Er hatte damit den zweiten Platz bei einer Ausschreibung gemacht, was natürlich die Polizei mit Stolz erfüllte und im Zuge dessen hatte Sadie davon erfahren. In der Reportage war auch ein Bild von ihm, das sie Tessa jetzt zeigte.
Ihre beste Freundin pfiff anerkennend durch die Zähne. „Der ist ja heiß. Und der steht auf dich?“
Sadie zuckte mit den Schultern. „Er will immer mit mir essen gehen.“

Erneut wurden Tessas Augen groß. „Er will mit dir essen gehen? Dann steht er definitiv auf dich!“
„Kann sein. Wie willst du überhaupt beurteilen, ob er heiß ist?“
„Süße, ich hab auch schon mit Männern geknutscht. Ich stehe nicht nur auf Frauen – aber fast. Egal. Der ist heiß! Muskulös und mit genau den richtigen Bartfusseln im Gesicht. Und diese Augen!“
„Jetzt hör schon auf“, sagte Sadie gequält.
„Aufhören? Womit? Hör du doch auf! Was soll das heißen, er will mit dir essen gehen und du hast das noch nicht gemacht? Bist du verrückt?“
„Vielleicht“, sagte Sadie. Damit hatte Tessa nun auch wieder nicht gerechnet.
Mit ernster Miene setzte sie sich neben ihre beste Freundin. „Wie meinst du das?“
„Na, ich meine … ja, er steht wohl wirklich auf mich. Das kann man schon so sagen. Und ich finde ja auch, daß er gut aussieht. Aber ich bringe es einfach nicht fertig, seine Einladung anzunehmen.“
„Warum nicht?“
Jetzt saß sie in der Falle. Sadie hatte den ganzen Abend damit zugebracht, sich zu überlegen, was sie Tessa sagen wollte.
Aber ihre Freundin kam ihr zuvor. „Du hast Angst, daß er komisch reagiert, wenn er hört, daß du noch nie einen Freund hattest, was?“
Ratlos zuckte Sadie mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Nein, das ist es nicht.“
„Hast du Angst davor, daß er dir zu nah kommen könnte?“
Sadie schüttelte den Kopf. „Nein.“

Tessa nahm eine Hand ihrer Freundin und drehte sie um, so daß sie die alte Narbe über Sadies Pulsadern sehen konnten. „Ist es das?“
Betreten senkte Sadie den Blick. „Ich glaube, schon. Das und alles, was damit zu tun hat. Ich meine … ich trage so viel mit mir herum.“
„Oh je.“ Tessa legte einen Arm um Sadie und sah sie ermutigend an. „Glaub mir eins: Wenn der Knabe dich mag, ist ihm das doch egal.“
„Aber … da sind noch andere Dinge.“
„Andere Dinge?“
Es mußte sein. Sadie fühlte sich wie beim Gang zum Schafott, aber es half nicht. „Da sind Dinge, die auch du nicht weißt, Tessa. Ich habe sie dir nie erzählt und du hast auch nie gefragt. Aber was, wenn er fragt?“
„Worum geht es denn?“ fragte Tessa.
Als Sadie sich mit den Fingern durchs Haar fuhr, spürte sie erst, wie kalt ihre Hände waren. „Es geht um meine Familie.“
„Okay. Also … um deine Familie früher?“
Sadie nickte. „Genau. Nicht Norman und Fanny.“
„Willst du es mir sagen? Vielleicht kann ich dir helfen.“
Sadie schlug das Herz bis zum Hals. „Ich kann nicht, Tessa. Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen, weil ich es genaugenommen gar nicht darf.“
„Aber deine richtigen Eltern waren keine Geheimagenten oder so?“ fragte Tessa schockiert. Über ihren erschrockenen Blick mußte Sadie unfreiwillig lachen.

„Nein, Tessa, das ist es nicht. Ich darf es dir auch nicht sagen. Aber ich habe Angst, daß er danach fragen würde. Ich kann dann nicht antworten.“
„Hm“, machte Tessa ernst. „Und wenn du ihm genau das sagst? Erzähl ihm doch das, was du mir auch gesagt hast.“
„Was, du meinst, daß meine Familie bei einem Hausbrand ums Leben kam? Das ist ja nicht mal falsch. Das ist nur nicht die ganze Wahrheit.“
Tessa überlegte immer noch. „Also ich fand die Geschichte immer schlüssig. Mir hat da nie was gefehlt.“
„Ja, schon klar … aber die Dinge, die da noch passiert sind … die haben es mir immer unmöglich gemacht, jemandem wirklich vertrauen zu können.“ Plötzlich löste sich eine Träne aus Sadies Auge. „Weißt du, du warst immer zufrieden. Du hast mich so genommen, wie ich war und nicht weiter gefragt. Aber jemand wie Matt … ich will ihn doch auch nicht anlügen. Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.“
Wortlos drückte Tessa ihre Freundin an sich und griff nach einer ihrer Hände. „Wir finden dafür eine Lösung.“
Doch es kamen immer mehr Tränen. Vor Sadies Augen verschwamm alles. „Du erinnerst dich doch an die Narbe auf meinem Rücken, oder?“
Tessa nickte. „Na klar.“
„Er würde sie sehen. Ich könnte sie ihm nicht erklären …“

Als sie unwillkürlich schluchzte, zog Tessa sie noch fester in ihre Arme. „Ist schon gut. Hör mir zu … ich habe mir nie etwas bei alldem gedacht. Gar nichts. Du hast es nie erzählt und wie mir scheint, gibt es gute Gründe dafür. Aber du kannst dich doch nicht bis ans Ende deiner Tage in dein Schneckenhaus zurückziehen und als alte Jungfer sterben, nur weil da vor fünfzehn Jahren irgendetwas passiert ist! Das kann es nicht sein, Sadie. Wirklich nicht. Der Junge sieht gut aus und er interessiert sich für dich. Sei nicht dumm, weise ihn nicht ab. Geh mit ihm essen, und sei es nur ein einziges Mal. Du kannst sehen, wie es sich entwickelt. Und wenn er Hirn hat, dann stellt er keine dummen Fragen und läßt dir Zeit.“
Schniefend wischte Sadie sich die Tränen ab. „Meinst du?“
„Klar. Seit wann steht er jetzt auf dich?“
„Weiß nicht … er hat mich schon ein paar Mal gefragt.“
„Okay, also ist es keine Eintagsfliege. Probier es aus. Ganz im Ernst. Triff dich mit ihm und lern ihn kennen. Dann wirst du merken, ob du ihm vertrauen kannst und ob er es überhaupt wissen muß.“
Sadie holte tief Luft und nickte. „Okay. Du hast recht. Ich habe zwar noch keine Lösung für das Problem, aber weglaufen ist definitiv nicht die Lösung.“
„Nein. Mach es, okay? Nimm seine Einladung an. Du schaffst das schon.“
Entschlossen wischte Sadie die letzten Tränen weg. Tessa hatte recht, sie mußte es machen und sie würde es auch machen. Was hatte sie schon zu verlieren?