Leseprobe: Anfang

„Das nächste Mal blinken Sie besser beim Abbiegen“, sagte Phil mit einem Augenzwinkern zu der jungen Mutter, die mit hochrotem Kopf wieder in ihren Wagen stieg. Sadie warf ihm einen zweifelnden Blick zu, allerdings so, daß nur er es merkte.
„Was denn?“ fragte Phil. „So ein Blinker ist doch keine Sonderausstattung!“
Ohne etwas zu erwidern, stieg Sadie wieder in den Streifenwagen. Phil folgte ihr und warf die Tür hinter sich zu.
„Wer den Schaden hat, braucht wie üblich für den Spott nicht zu sorgen“, murmelte Sadie.
„Wenigstens ist gleich Schichtende, so daß wir uns nicht mit weiteren Blechschäden herumschlagen müssen“, sagte Phil, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.
„Zum Glück“, sagte Sadie. Phil startete den Motor, drehte den Wagen und fuhr zurück zum Police Department. Auf der Hauptstraße herrschte reger Feierabendverkehr. Die Sonne stand bereits so tief, daß sie ihnen in die Augen schien. Phil klappte seine Sonnenblende herunter und blickte sehnsüchtig zu Taco Bell hinüber.
„Enchiladas?“ fragte Sadie, der sein Blick wie üblich nicht entgangen war.
„Vielleicht Tacos“, sagte er. „Gleich. Und bei dir?“
„Ich bin bei Fanny und Norman.“
„Oh, ich wünschte, meine Mum würde mich auch noch bekochen!“
Sadie grinste. „Komm doch mit.“
„Ein anderes Mal gern. Soll ich dich dort absetzen?“
„Ist das nicht ein Umweg?“
Phil machte eine Handbewegung. „Ein klitzekleiner.“
„Gern, warum nicht.“

Es war tatsächlich kein großer Umweg. In einer Stadt wie Waterford wäre ein großer Umweg auch schwierig geworden, denn so groß war die Stadt gar nicht. Sie lag im kalifornischen Central Valley inmitten von Weinbergen, eine halbe Autostunde von Modesto entfernt. Außer der High School, dem Police Department und dem Tuolumne River gab es in dieser Stadt nichts, was nennenswert gewesen wäre. Und doch bezeichnete Sadie sie als Heimat.
Minuten später waren sie am Ziel. Phil hielt vor dem Haus und nickte ihr zu. „Schönen Abend noch und bis morgen dann.“
„Ja, bis morgen“, erwiderte Sadie und stieg aus. Langsam fuhr Phil davon. Sadie atmete tief durch und ließ sich die Abendsonne ins Gesicht scheinen, bevor sie zu Fannys und Normans weißgestrichenem Haus ging. Auf der Veranda vor dem Haus standen einige Blumenkübel, die Tante Fanny hingebungsvoll pflegte. Norman schalt sie dafür, daß sie das ohnehin knappe Wasser zum Blumengießen verschwendete, doch sie hörte nicht darauf.
Sadie klopfte an die Tür, öffnete dann Fliegen- und Haustür und betrat das Haus. Sie hatte gerade erst einen Schritt hinein gemacht, als Onkel Norman vor ihr stand.
„In Uniform?“ Dann hob er die Stimme. „Schatz, die Polizei ist hier!“
„Soll in die Küche kommen!“ schmetterte es von dort zurück. Je näher Sadie der Küche kam, desto deutlicher konnte sie den Duft von Maccaroni and Cheese riechen. Ihre Tante mit dem drehte ihr den Rücken zu und streute noch ein wenig Käse über die Auflaufform.
„Fanny, du bist die Beste“, sagte Sadie und umarmte ihre Tante von hinten. „Ich muß dich leider aufgrund eines Verstoßes gegen das Delikatessengesetz festnehmen. Du kochst zu lecker!“
„Du hast ja noch gar nicht probiert“, antwortete Fanny unbeeindruckt, wusch sich die Hände und umarmte Sadie dann. „Schön, daß du da bist. Heute in Uniform?“
„Phil hat mich gerade hier abgesetzt.“

„Du hättest ihn mitbringen sollen“, sagte Norman tadelnd. Er war ein hochgewachsener, schlaksiger Mann; so groß, daß er schon seit vielen Jahren unwillkürlich krumm ging. An seine Glatze hatte Sadie sich immer noch nicht gewöhnt.
„Ich habe ihn sogar eingeladen, aber er wollte nicht“, erwiderte Sadie.
„Banause“, ereiferte Norman sich.
„Jetzt hör schon auf, Sadie immer verkuppeln zu wollen!“ mahnte Fanny streng.
„Aber jetzt sieh dir unsere Sadie doch an! Haben die Jungs hier alle Tomaten auf den Augen?“
„Du weißt doch, daß das alles nicht so einfach ist“, murmelte Fanny. „Sadie, setz dich doch. Möchtest du Limonade mit Eis?“
„Oh ja“, erwiderte Sadie und setzte sich an den bereits gedeckten Tisch, der in den Erker hineinragte. Norman folgte ihr mit einem Glaskrug voller Limonade. In der anderen Hand hielt er einen Becher mit Eiswürfeln.
„Ist Phil denn nicht dein Typ?“ bohrte er weiter, während er Eiswürfel in Sadies Glas rutschen ließ.
„Nein, Phil ist nicht mein Typ“, antwortete Sadie gelassen. „Er ist mein Partner. Und, wie du vielleicht vergessen hast, hat er bereits eine Freundin!“
„Und die ist nicht das Mädchen mit den rötesten Haaren in ganz Waterford?“ Verächtlich schüttelte er den Kopf. „Und so schöne Sommersprossen hast du auch.“
„Jetzt hör schon auf“, mahnte Sadie ihn scherzhaft. „Ein Feuermelder ist nichts gegen mich!“
„Du bist eben etwas Besonderes.“

„Und du bist eine besondere Nervensäge!“ Fanny nahm ebenfalls am Tisch Platz. Norman schenkte auch ihr Limonade und Eiswürfel ein.
„Wie geht es dir denn?“ versuchte Sadie, das Thema zu wechseln und musterte ihren Onkel gespannt.
Er fuhr sich demonstrativ über die Glatze. „Ziemlich luftig da oben. Heute ist ein guter Tag, ich habe Hunger und habe alles drinbehalten. Beste Voraussetzungen also für Mac and Cheese!“
„Fannys Maccaroni sind sowieso meine Leibspeise“, sagte Sadie belustigt, wurde dann aber gleich wieder ernst. „Das ist doch gut, Norm. Die Ärzte kriegen dich schon wieder hin.“
„Richtig. Die Heilungschancen sind bei frühzeitiger Erkennung von Hautkrebs ja nicht schlecht. Du weißt, ich bin ein Optimist!“
„Das ist auch richtig so“, stimmte Fanny zu.
„Wie geht es Gary und Sandra?“ erkundigte Sadie sich.
„Bestens. Gary hat vorgestern hier angerufen und angeregt, daß wir demnächst einen gemeinsamen Grillabend machen.“
„Oh ja, das klingt ja hervorragend!“ fand Sadie.
„Sandra geht es ebenfalls gut, aber sie ist ja auch erst im siebten Monat. Die beiden freuen sich schon riesig auf das Kind!“
Sadie lächelte. „Ich auch, dann werde ich Tante!“
„Ja, nachdem wir uns da weder bei dir noch bei Joanna Hoffnung machen dürfen …“ stichelte ihr Onkel.

„Norm, jetzt hör aber auf! Sadie wird es uns schon wissen lassen, wenn sie jemanden gefunden hat!“ ermahnte Fanny ihren Mann. Der Duft aus der Küche wurde immer stärker. Sadie spürte, wie ihr Magen laut vernehmlich knurrte. Fannys Mac and Cheese waren eine ihrer besseren Kindheitserinnerungen.
Bis zum Essen sprachen sie über Normans Chemotherapie, um das leidige Thema pünktlich abzuschließen. Es hatte wie ein Faustschlag in Sadies Magen gesessen, als sie von seiner Krebserkrankung gehört hatte. Der Gedanke, daß ihr Onkel, der immer wie ein Vater für sie gewesen war, möglicherweise daran sterben würde, war unerträglich für sie. Das durfte nicht passieren. Das durfte es einfach nicht. Aber lebensfroh, wie er war, trug er die Diagnose mit Fassung und unterzog sich der aufreibenden Behandlung, ohne zu klagen. Ihrer Tante merkte Sadie öfter an, daß das alles sie sehr mitnahm.
Endlich trug Fanny die Nudeln auf und verteilte sie auf den Tellern. Beim bloßen Geruch lief Sadie das Wasser im Munde zusammen. Die cremige Soße war einfach wundervoll und die würzigen Schinkenstückchen …
Für einen Moment war es totenstill, während sie zusammen die Nudeln genossen. Die Abendsonne leuchtete durchs Erkerfenster herein und tauchte alles in ein goldenes Licht. Sadie mochte den Spätsommer. Sie hatte große Lust, an die Küste zu fahren und auf den Pazifik zu blicken, irgendwo nördlich von San Francisco, wo die Küste besonders beeindruckend war. Und das war sie nicht nur dort.
Als sie auch ihren Nachschlag verputzt hatte, lehnte sie sich zufrieden auf ihrem Stuhl zurück und lächelte. „Danke, Fanny. Das war einfach köstlich!“
Norman nickte zustimmend und aß weiter. Er hatte noch immer etwas auf seinem Teller, während Fanny bereits fertig war.

„Noch ein wenig Eis zum Nachtisch?“ fragte sie.
„Beim nächsten Fitneßtest werde ich grandios versagen!“ prophezeite Sadie.
„Nein, das wirst du nicht.“ Seufzend beugte Fanny sich vor. „Warum verteilst du hier Strafzettel für Falschparker? Warum machst du nicht etwas aus deiner Ausbildung?“
„Fanny …“ Händeringend suchte Sadie nach Worten. „Ich bin zufrieden, wie es gerade ist. Jetzt wo Onkel Norman krank ist, will ich nicht weggehen. Und das müßte ich, um das einsetzen zu können, wovon du sprichst.“
„Ja, aber Waterford? Willst du für immer hierbleiben?“
„Es gefällt mir hier“, behauptete Sadie. „Hier seid ihr. Hier sind meine Freunde. Hier ist alles, was ich kenne! Und weggehen bedeutet nicht San Francisco oder Los Angeles. Das bedeutet Quantico. Virginia. Das will ich nicht. Ich bin noch nicht soweit.“
„Laß das Mädchen in Ruhe“, sagte Norman.
„Ach, das sagt der Richtige“, wehrte Fanny sich. „Kind, wir wollen doch nur dein Bestes. Du mußt nicht unseretwegen hierbleiben.“
„Schon gar nicht meinetwegen“, sagte Norman. „Ich bin ein alter Mann! Aber der Krebs kriegt mich nicht klein. Eher besiege ich ihn! Du kannst ruhig gehen, wohin du willst.“
„Ich will aber gar nicht gehen“, beharrte Sadie. Während Fanny abräumte und das Eis auf den Tisch stellte, starrte sie auf das Muster in der Tischdecke. Das war alles lieb gemeint von den beiden, aber das stand gerade nicht zur Debatte. Ja, sie hatte Kriminologie studiert. Sie hatte als Zweitbeste des ganzen Jahrgangs abgeschlossen. Und ja, sie verteilte jetzt trotzdem wieder Strafzettel in Waterford.
Sie war noch nicht soweit.
Nachdem sie zwei Kugeln Eis verputzt hatte, blickte sie demonstrativ auf die Uhr. „Ich werde dann mal nach Hause gehen. Die Katzen verhungern sicher schon.“
„Ich fahre dich“, sagte Norman.
„Nicht nötig“, erwiderte sie.
„Ich bestehe darauf.“

Sadie gab sich geschlagen. Dankbar umarmte sie ihre Tante und verabschiedete sich von ihr, bevor sie mit Norman das Haus verließ und sie sich in seinen alten Pickup setzten, der blubbernd ansprang. Zwar hätte sie auch laufen können, aber sie wollte sein Angebot nicht ausschlagen.
„Und du bist wirklich glücklich hier?“ fragte er, während er rückwärts ausparkte.
„Ja, warum denn nicht? Es geht mir gut, wirklich. Macht euch keine Sorgen.“
„Das tun wir aber. Weißt du, Gary hat bald eine richtige kleine Familie und selbst Joanna … na ja, sie scheint glücklich zu sein mit dem, was sie macht.“
„Ist sie“, sagte Sadie. „Ganz bestimmt sogar.“
„Ja, wahrscheinlich. Aber … Kind, wir machen uns doch nur Sorgen.“
„Ich weiß, Norm. Aber das müßt ihr wirklich nicht. Ich werde nicht Phil heiraten und ich werde auch nicht immer mit meinen Katzen allein bleiben.“
„Das will ich auch hoffen!“ sagte er augenzwinkernd. „Sadie, ich will nur, daß du weißt, daß du immer zu uns kommen kannst. Zu mir.“
Sie seufzt ergeben. „Als könnte ich das je vergessen! Ihr wart immer so gut zu mir. Besser als … na ja.“
„Ich weiß schon“, sagte Norman. „Aber meiner Schwester mache ich keinen Vorwurf. Sie hatte ja auch keine Ahnung.“
„Laß uns davon aufhören“, bat Sadie hastig. Sie war froh, als sie schließlich in ihre Straße einbogen. Mit einer Umarmung verabschiedete sie sich von ihrem Onkel, bevor sie ausstieg. Inzwischen war die Sonne untergegangen. Nachdenklich blickte sie dem Pickup hinterher, bevor sie die Haustür aufschloß und von zwei maunzenden Bestien umgarnt wurde, die ihr mit jedem Ton mitteilten, daß ihr Napf schon viel zu lang leer war.
„Ich weiß ja, ihr beiden“, sagte sie, warf die Haustür hinter sich zu und ging schnurstracks in die Küche, um dort eine Dose Katzenfutter zu öffnen. Das Gemaunze ging weiter, bis der Napf auf dem Boden stand und die Katzen sich darum versammelt hatten.

„Guten Appetit, ihr zwei, ich gehe mal duschen“, sagte sie, hängte den Schlüssel ans Schlüsselbrett und löste ihren Zopf. Schon auf dem Weg ins Schlafzimmer oben zog sie ihre Uniform aus, warf die Kleidungsstücke aufs Bett und schälte sich auf dem Weg zum Bad aus ihrer Unterwäsche. Verschwitzt, wie sie war, wurde es wirklich Zeit für eine Dusche.
Sie zog den Badewannenvorhang zurück, drehte das Wasser auf und legte ihr Handtuch bereit. Bis dahin war das Wasser angenehm warm.
Weil sie nur die kleine Lampe über dem Spiegel eingeschaltet hatte, duschte sie im Dämmerlicht. Als sie sich Shampoo in eine Handfläche träufelte, fiel ihr Blick unwillkürlich auf die Quernarben an ihren Handgelenken. Sie waren schon so alt, daß sie inzwischen kaum noch zu sehen waren. Aber sie verrieten etwas über sie, das sie nicht nur lieber vergessen hätte, sondern von dem sie sich wünschte, daß es nie passiert wäre.
Sadie hielt das Gesicht unter den Wasserstrahl, während sie sich das feuerrote Haar einshampoonierte. Inzwischen hatte sie sich mit ihrer Haarfarbe angefreundet und sie mochte auch ihre Sommersprossen. Die gehörten zu ihr und waren nicht schlimm. Zwar konnte sie Normans Faszination nicht nachvollziehen, aber ihr Onkel war voreingenommen und blind vor väterlicher Liebe.
Sie hatte manches Mal gezweifelt, ob sie diese Liebe verdiente. Sie hatte ihrer Familie so vieles zugemutet und deshalb ein schlechtes Gewissen. Vermutlich verging das nie.
Genüßlich ließ sie das warme Wasser über ihre Haut laufen, als sie sich die Haare ausspülte. Nachdem sie die Spülung einmassiert hatte, seifte sie sich von Kopf bis Fuß mit Duschgel ab. Die Narbe an ihrem Rücken, über die ihre Finger dabei glitten, spürte sie kaum. Sie hatte sich daran gewöhnt.