Regarding: Rechtschreibreform

Ich hab nie damit gerechnet, daß ich mal ein Blogpost darüber schreiben würde, aber jetzt ist es soweit. Ich möchte Stellung beziehen und erklären, daß es kein Zufall ist, daß ich die reformierte Rechtschreibung ignoriere. Wobei – ignoriere ich sie? Das trifft es eigentlich nicht, denn ich lehne sie ganz bewußt ab.

Ich bin Jahrgang 1985 und als ich in die Schule kam, wurde noch die steinalte, unreformierte Rechtschreibung gelehrt. Ich bin aufgewachsen mit den Kinderbüchern meiner Eltern, die in den 1950er und 60er Jahren gedruckt wurden. In denen kann man noch die Buchstaben auf den Seiten fühlen, so tief sind die gedruckt, und die sind so alt, daß sie schon richtig nach Vergangenheit riechen. Buchstaben waren immer schon meins und ich weiß, ich habe „Das Rote U“ noch vor meiner Einschulung gelesen. Ganz. Ich weiß nicht mehr, wie ich Lesen und Schreiben gelernt habe, aber beigebracht hat es mir niemand. Und gelernt habe ich eben die alte Rechtschreibung. Die konnte ich fast fehlerfrei, als ich in die Schule kam.

Irgendwann während meiner Grundschulzeit hieß es plötzlich, unästhetische Wortungetüme wie „Delfin“, „Känguru“ und „Schifffahrt“ wären jetzt neuerdings state of the art. Das allein fand ich gruselig genug, doch die Begründung hat mich schon als Kind sprachlos gemacht: Die existente Rechtschreibung wäre zu schwer, es wäre nicht einzusehen, warum „Stengel“ sich nicht von „Stange“ ableitet und ähnlicher Unfug (na ja, weil es eben nicht die gleichen Worte sind?!).

„Stängel“ jedenfalls widersprach meinem damals schon extrem ausgeprägten Empfinden von Ästhetik und Korrektheit in der deutschen Sprache. Und ich habe nun nicht eingesehen, warum man plötzlich eine ganze Sprache umkrempeln muß, nur weil irgendein Gremium das beschlossen hat. Wurden die Menschen gefragt? Wurden sie nicht. Schaffen die Franzosen ihre accent aigus, gràves und cedilles ab, weil Einwanderer das zu schwierig finden könnten? Nee, eben.

Also beschloß ich, trotzig, wie Neunjährige eben sind: Da mache ich nicht mit. Ich hatte für ein Kind dieses Alters die bis dahin existente Rechtschreibung in beeindruckendem Maße parat und habe es nicht eingesehen, das jetzt plötzlich über Bord werfen zu müssen. Schon als Neunjährige wußte ich: Das endet im Chaos.

Und das tat es ja auch. Es kam die Reform der Reform, einzelne Verlagshäuser zogen nicht mit, dann doch, ruderten wieder zurück – und ich konnte in der Schule beobachten, wie die Reform alles kaputtgemacht hat. Ich habe die reformierte Rechtschreibung natürlich mitgelernt, ich habe nicht Augen und Ohren zugeklappt und alles ignoriert. Bei mir hat es aber dazu geführt, daß ich meine zuvor sichere Getrennt- und Auseinanderschreibung und die Groß-/Kleinschreibung plötzlich nicht mehr aus dem Ärmel schütteln konnte. Und das Schönste war ja ohnehin: Bei manchen Worten konnte man sich plötzlich sogar aussuchen, wie man die schreibt, und dann wurden auch noch die sogenannten Kann-Kommas eingeführt.

Mir sträuben sich bis heute die Nackenhaare, wenn ich sehe, was manche Menschen für Kommasetzung halten. Mir sträuben sich auch bei ganz vielen unästhetisch geschriebenen Worten die Nackenhaare. Man konnte während meiner gesamten Schulzeit beobachten, wozu kleine Dickschädel imstande sind, denn ich habe die gesamte Schulzeit hindurch weiter mein „daß“ geschrieben und damit meinen Deutschlehrern mehr als nur ein Stöhnen und Händeringen entlockt.

Bis zur Abiturprüfung. 2005 wurde die Reform verbindlich, und als jemand, der seinen Feind genau kennt, war ich vorbereitet. In meiner Abiturprüfung habe ich geschrieben, wie es sich neuerdings gehörte, denn da war ich gezwungen. Hat auch geklappt. Bis dahin hatte ich aber auch in meinen Deutschbüchern gesehen: Es gibt deutsche Autoren, die einer Änderung ihrer Texte in die reformierte Rechtschreibung widersprochen haben und diese Texte waren für uns Schüler dann mit Hinweis abgedruckt. Hinweis auf die künstlerische Freiheit.

Aha! Das war ein spannender Aspekt für mich. Wenn andere Autoren das tun … dann tue ich das auch. Dann schreibe ich weiter so, wie ich es als Kind anfänglich gelernt habe, denn ich hab nie um eine Änderung gebeten. Wäre sie gut und gewünscht gewesen, in Ordnung – aber sie hat mehr kaputtgemacht als genützt, denn heute schreibt jeder wie er will und was man sich in sozialen Netzwerken manchmal so angucken muß, grenzt wirklich an Körperverletzung.

Das ist nur meine Meinung. Ich lasse jedem eine andere Meinung, wenn er meint, das wäre so nicht in Ordnung. Aber ich hoffe, daß man mir auch meine läßt, daß die reformierte Rechtschreibung einfach nicht sein muß. Seit ich schreiben gelernt habe, schreibe ich in unreformierter Rechtschreibung. Ich mußte in meinem ganzen Leben noch nie über Rechtschreibregeln nachdenken und ich wollte einfach nie, daß diese Reform mich da frustriert, wo ich mich zu Hause fühle: beim Schreiben.
Also weg damit.

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