Eine Frage der Perspektive

Ich habe keine Lieblings-Erzählperspektive. Die meisten meiner Fantasy-Romane habe ich aus auktorialer Perspektive erzählt, geändert hat sich das erst bei „Himmelsfeuer“. Ab und an schreibe ich auch mal gern aus der Ich-Perspektive und habe das einfach fortgesetzt, ganz ohne spezielle Hintergedanken.
Viel zu spät bin ich auf den Gedanken gekommen, daß es sich aber aus auktorialer Perspektive wesentlich eleganter erzählt. Wenn ich aus der Ich-Perspektive schreibe, drängt sich da zu sehr die Stimme der Figur rein, die gerade erzählt. Klar wurde mir das erst vor kurzem und da habe ich noch den Aufwand gescheut, die Perspektive zu ändern. Aber als nun der Impuls von der Agentur kam, es zu tun, habe ich mich sofort drangesetzt.
Gewinnbringend, wie ich denke. Aus alt:

„Wie lang bist du schon hier?“
„Ein Jahr.“
Schon ein ganzes Jahr. Ich sah mich noch immer, wie ich zu Hause vor dem Fernseher saß und wartete. Es war bereits spät, mindestens zwei Uhr nachts. Ich hörte noch das Klingeln an der Haustür, sah mich aufstehen und den Polizisten die Haustür öffnen.
„Wir haben leider eine traurige Nachricht für Sie.“
Eine traurige Nachricht. So nannte man es also, wenn man jemandem mitteilte, daß seine ganze Familie tot war. Einfach so. Als ich am nächsten Tag vor den Scherben der Autoscheiben gestanden hatte, hatte ich auch auf die Scherben meines bisherigen Lebens geblickt.
Ich schluckte hart und schob den Gedanken an meine Familie mit Gewalt beiseite. Trotzdem drang Gregorys Stimme wie durch Watte zu mir vor.
„Und was studierst du?“

mach neu:

„Wie lang bist du schon hier?“
„Ein Jahr.“
Dabei hatte diese Zeitspanne nicht zum Vergessen beigetragen. Es gab noch immer diese Momente, in denen Andrea sich sah, wie sie nachts um zwei zu Hause wartend vor dem Fernseher saß. Auf das Klingeln an der Haustür hin war sie aufgestanden und hatte zwei Polizisten die Haustür geöffnet.
„Wir haben leider eine traurige Nachricht für Sie.“
So nannte die Polizei es, wenn sie jemandem mitteilte, daß seine ganze Familie tot war. Als Andrea am nächsten Tag vor den Scherben der Autoscheiben gestanden hatte, hatte sie auch auf die Scherben ihres ganzen bisherigen Lebens geblickt.
Sie schluckte hart und schob den Gedanken an ihre Familie gewaltsam beiseite. Trotzdem reagierte sie nicht gleich auf Gregorys Frage.
„Und was studierst du?“

Aus irgendeinem Grunde, den ich noch nicht nachvollziehen kann, gewinnt der große Showdown später sogar noch an Intensität, obwohl er nun nicht mehr aus der Ich-Perspektive erzählt ist. Dabei hält sich der Änderungsaufwand tatsächlich in Grenzen. Hauptsächlich geht es um die Änderung von Pronomen, manchmal um die Ergänzung einer Sichtweise – und manchmal um die Ergänzung ganzer Passagen.
Ich hoffe, ich bin nicht irgendwann betriebsblind geworden!

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