Ein unbekanntes, aber häufiges Problem

Jeder hat schon mal von Legasthenikern gehört oder kennt einen. Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche versteckt man auch nur bedingt gut.
Aber wer hat schon mal von Dyskalkulie gehört? Das ist dasselbe in grün, nur mit Zahlen. Eine Rechenschwäche. Scherzhaft auch „Inselnichtbegabung“ genannt.
Genauso scherzhaft habe ich früher immer gesagt: Oh, die ganzen Gehirnzellen, die bei mir fürs Rechnen fehlen, sind alle in meinem Sprachzentrum. Mathe war für mich immer der Horror.
Wie nah ich der Wahrheit damit kommen würde, habe ich aber nicht geahnt. Ich habe mein nie endendes Versagen beim Rechnen zwar in Frage gestellt, aber niemand hatte eine Antwort für mich. Und so habe ich mir bis ins Studium eine blutige Nase geholt, weil einfache Aufgaben wie 13-8 oder gern auch -0,5 – 1,5 zum Kraftakt werden können.
Über so was kann ich stundenlang nachdenken.
Warum? Weil mir Grundlagen fehlen. Warum, ist schwer zu sagen.

Das Problem bei dieser Sache ist nur: Es kennt fast niemand. Entsprechend viel Unverständnis mag einem begegnen, wenn man davon erzählt. Da habe ich in letzter Zeit entsprechende Erfahrungen gesammelt!
Auf die Problematik aufmerksam geworden bin ich selbst nur durch Artikel wie diese:
Zeit Online
FAZ Online

Man kann folgendes festhalten: Es ist möglich, mit einer Rechenschwäche Abitur zu machen. Und das, ohne daß ein Lehrer überhaupt was merkt. Unfaßbar? Ja, finde ich auch.
Das hat weder was mit mangelnder Intelligenz oder Faulheit zu tun, auch wenn meine Lehrer da anderer Meinung waren. (Wie erklären die mir denn, daß ich in anderen Fächern keinerlei Schwierigkeiten hatte?) Aber solange die Lehrer teilweise das Problem nicht mal kennen, wird es schwierig.

Legastheniker werden Legastheniker, weil sie den geschriebenen Buchstaben nicht mit einem Laut in Verbindung bringen können. Menschen mit Rechenschwäche verstehen etwa nicht, daß 8 = 5+3 ist und es entsprechend einfach wäre, 13-8 zu rechnen, nämlich 13-3 = 10 und dann – 5 = 5. Nein, rechenschwache Menschen subtrahieren das am Stück oder zählen es an den Fingern ab.

Egal, mit wem ich bislang gesprochen habe – fast niemand kennt Dyskalkulie. Das ist deswegen schlimm, weil man, wenn das anders wäre, vielen Kindern viel Elend ersparen könnte.
Wüßte ich nicht, was mein Problem ist, hätte ich schon das zweite Studium deshalb schmeißen müssen. Und das muß wirklich nicht sein! Seit ich heute eine Prüfung in Mathematik erfolgreich bestanden habe – nach zweimaligem vorherigen Vergeigen – kann ich mit Recht behaupten, daß das Problem auch lösbar ist.
Vielleicht weiß ja jetzt jemand mehr Bescheid!

4 thoughts on “Ein unbekanntes, aber häufiges Problem

  1. Gerade an Schulen wie dem Gymnasium ist auch unter dem Lehrkörper das Gerücht verbreitet, Schüler mit Dyskalkulie seien eigentlich am Gymnasium fehl am Platz. Ich habe das als betroffener Schüler mehrmals merken müssen, bis hin zu einer Lehrerin, die sagte, sie würde ‚ein Kind mit Rechenschwäche niemals aufs Gymnasium lassen, da es dort total überfordert wäre‘.
    Teilweise reicht das Problem ja wirklich weiter als nur bis in den Mathematikbereich, wenn die Dyskalkulie auch in anderen (überwiegend naturwissenschaftlichen Fächern) das logische, verknüpfte Denken schwer macht, ganz zu schweigen von einem Unverständnis von Formeln im physikalischen und chemischen Bereich.

    Auf jeden Fall finde ich es sehr gut, dass du in deinem Blog auf Diskalkulie aufmerksam machst. Vermutlich hätte ich den Begriff nicht einmal gekannt, wenn ich nicht selber davon betroffen wäre. Und ich kann nur bekräftigen, dass man, sobald man weiß, das es Dyskalkulie gibt und man daran ‚leidet‘, oft alternative Wege finden kann, doch noch einen Weg aus der Rechenschwäche zu finden.
    Aber allein die Tatsache, dass es vielerorts nicht einmal Dyskalkulie-Tests für Schüler über der achten Klasse gibt, zeigt auch starke Lücken im Förderungssystem auf. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es viele Leute gibt, die es trotz Dyskalkulie bis ins Abitur und noch weiter geschafft haben, und erst danach wirklich von ihrer Rechenschwäche beeinträchtigt werden.
    Ich würde mir wünschen, dass Dyskalkulie im öffentlichen Raum die gleiche Selbstverständlichkeit erreicht wie Legasthenie, zumindest in dem Sinne, dass die Lehrer an Grund- und weiterführenden Schulen darauf aufmerksam werden und bereit sind, über das allgemeine Vorurteil vom ‚faulen Schüler‘ in manchen Fällen hinweg zu sehen.

    Mit freundlichen Grüßen, Yanosch W.

  2. Als ich mich letztes Jahr entschlossen habe, eine Diagnostik machen zu lassen, hatte ich zuerst Befürchtungen, daß man mir als „Erwachsener“ gar nicht helfen könnte. Glücklicherweise ist es – zumindest im MLI in Düsseldorf – so, daß auch viele Erwachsene dort eine Dyskalkulietherapie durchlaufen. Es werden auch immer mehr.
    Meine Lerntherapeutin hat mir erst bewußt gemacht, welche Leistungen man mit einer Rechenschwäche tatsächlich vollbringt, wenn man es schafft, trotzdem noch halbwegs den Anschluß in der Schule zu behalten. Und ich bin ja genau einer dieser Fälle, in denen es mit Dyskalkulie bis zum Abi läuft – mehr schlecht als recht mit einer 5, aber immerhin. Nur reicht an der Uni eine 5 eben nicht mehr. Ich bin auf jeden Fall froh, daß es auch für Erwachsene eine Förderung gibt, denn für Hilfe ist es nie zu spät!
    Und weil ich mir auch wünsche, daß das Problem genauso gesehen und akzeptiert wird wie Legasthenie, habe ich drüber gebloggt. Freut mich, daß es auch so angekommen ist!

  3. Pingback: Blog und Stift | Was Hänschen nicht lernt …

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